Nachbericht – Novemberreihe zum Thema Rassismus und Antisemitismus!

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Zum dritten Mal in Folge veranstaltete der Antifaschistische Abend die sog. Novemberreihe, welche sich inhaltlich mit den Themen Rassismus und Antisemitismus auseinandersetzt. Schwerpunkte dieses Jahr waren der Volkstrauertag sowie das Gedenken rund um den Jahrestag der Novemberpogrome 1938, zu dem auch eine Rede gehalten wurde, welche sich u.a. mit den lokalen Ereignissen befasste.

Input zum Volkstrauertag als Start in die Novemberreihe

Die erste Veranstaltung im Rahmen der Novemberreihe, beschäftigte sich mit dem Feiertag “Volkstrauertag”, seinem Ursprung, aber auch die Zweckentfremdung durch Faschisten am Beispiel der Geschehnisse in Rheinau-Memprechtshofen an der Gedenkstätte “Panzergraben”. Eingeführt im Jahre 1926 als nichtstaatlicher Feiertag, wurde er in der Zeit des Deutschen Faschismus in einen Heldengedenktag umgewandelt, bei dem nicht mehr das Totengedenken, sondern die Heldenverehrung im Mittelpunkt stand. Mit Einführung der Besatzungszonen wurde in der BRD die Tradition des Volkstrauertags wieder aufgenommen, in der DDR wurde der „Internationaler Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg“ eingeführt.

Ein Input über die Kameradschaft “Karlsruher Netzwerk”, welche in den letzten Jahren die faschistischen Aktivitäten am “Panzergraben” bei Memprechtshofen plante, rundete die Veranstaltung ab.

Rundgang durch Bühl

Als zweite Aktion fand am 75. Jahrestag der Novemberpogrome ein Rundgang auf den Spuren jüdischer Geschichte in Bühl statt. Frau Streicher, Mitarbeiterin des Stadtgeschichtlichen Institutes, zeigte der 25-köpfigen Gruppe wichtige Orte des jüdischen Lebens in der Innenstadt.Von der Gedenktafel beim ZOB für die 26 Juden und Jüdinnen aus Bühl, die im Oktober 1940, ins Arbeits- und Vernichtungslager Gurs in Frankreich deportiert wurden, weiter über den Stadtgarten bis zum Johannesplatz. Dort stand von Anfang des 18. Jahrhunderts bis zum 10. November 1938 die Synagoge. Auch sie wurde wie viele andere jüdische Gotteshäuser und Geschäfte, ohne Eingreifen der Feuerwehr, niedergebrannt. Der Rundgang endete in dem Kellergeschoss des Stadtmuseums, in dem vor kurzem die Ausstellung zur Religionsgeschichte der Stadt Bühl, welche auch das Judentum mit einschließt, eröffnet wurde.

Am Ende verlas eine Vertreterin des Antifaschistischen Abends eine Rede zum Jahrestag der Novemberpogrome.

Filmvorführung „Fritz Lebt“

Beim dritten Termin der Novemberreihe wurde der Dokumentarfilm „Fritz lebt – Geheimtäter und Viehlosoph“ gezeigt. Der Film zeigt das Leben des Viehhändlers Fritz Levy, der einzige Jude aus Jever, der den Holocaust überlebt hat. 1951 kehrt er dann in seine Heimatstadt zurück, wo er erfährt, dass seine gesamte Verwandtschaft in Auschwitz ermordet wurde. Er versucht wieder ein normales Leben in Jever zu führen, sieht sich jedoch fortan mit Diskriminierung und sogar gewalttätigen Übergriffen konfrontiert. Diese erfährt er von seinen Mitbürgern, die ihn teilweise als „Schandfleck von Jever“ betiteln und weiterhin tiefsten Antisemitismus schüren. Nach einer langen Depression und einem Suizidversuch, wird er in den Stadtrat gewählt. Er ist vor allem bei Jugendlichen sehr beliebt, da er sich um ihre Belange kümmert und sie ernst nimmt. 1982 stirbt Fritz Levy dann; es wird davon ausgegangen, dass es ein Selbstmord war, wobei manche Bekannte Levy‘s sich kritisch zu dieser Theorie äußern.

Im Anschluss an den Film hatten die ca. 15 BesucherInnen noch die Möglichkeit sich mit der Regisseurin Elke Baur zu unterhalten. Hierbei ging es vor allem um ihre persönlichenErfahrungen bei den Recherchen sowie um das Nachwirken der Person Fritz Levy. Sie berichtete, dass es anfangs relativ schwer gewesen war jemandem zu der Geschichte zu befragen, da anscheinend keineR darüber sprechen wollte. Nach und nach fanden sich jedoch Interviewpartner und historisches Bildmaterial, sodass letztendlich diese beeindruckende Hommage an Fritz Levy entstand.

Informationstisch in der Bühler Innenstadt

Am Vortag des Volkstrauertags, wurde zur belebtesten Zeit des Tages ein Infostand in der Bühler Schwanenstraße organisiert, um darauf aufmerksam zu machen, dass bis 2009 Faschisten den Gedenktag missbrauchten, um am „Panzergraben“ in Memprechtshofen mit ihrem geschichtsrevisionistischen Gedankengut aufzumarschieren. Des Weiteren wurden viele Menschen über das Nazi-Zentrum in Rheinmünster-Söllingen informiert, wo am Samstag davor, dem Jahrestag der Novemberpogrome, ein großes Konzert mit etwa 300 Faschisten aus ganz Deutschland stattgefunden hatte.

Dass sowohl das Thema Volkstrauertag in Verbindung mit Memprechtshofen und das Nazi-Zentrum in Söllingen aktuelle politische Themen der Region sind, wurde in vielen Gesprächen mehr als deutlich. Die Informationen und Positionen wurden durchweg positiv aufgenommen und viele wollten sich weiterhin über den Antifaschistischen Abend und das Caracol auf dem Laufenden halten. Es wurden zwischen 300 und 500 Flyer verteilt und einige Menschen sind nun deutlich sensibler und aufmerksamer, wenn es um das Thema Geschichtsrevisionismus und Faschismus in unserer Region geht.

Euthanasie heißt Mord

Der dritte Termin der Novemberreihe war ein Vortrag mit dem Historiker Klaus Freudenberger der etwa 20 interessierten Menschen berichten konnte, wie die Ermordung von über 70.000 Menschen mit Behinderung bis 1941 in der Zeit des Deutschen Faschismus abgelaufen ist. Durch die spezielle Bezugnahme auf den Fall der Diakonie Kork, in der über ein Drittel der BewohnerInnen ermordert wurde, konnte besonders deutlich werden, wie die systematische Ermordung im Kontext des Zweiten Weltkrieges konkret organisiert und durchgeführt wurde. Mehrere Dokumente, Bilder und Aussagen aus der damaligen Zeit von Staat, BewohnerInnen

und Diakonieleitung, untermauerten die Brutalität und belegten die menschenverachtende Ideologie des “lebensunwerten Lebens”, die ursprünglich aus der Ökonomie (Kosten-Nutzen-Rechnung) Einzug in die Politik und Denkweisen gefunden hatte. Auch vor dem Hintergrund des staatlich propagierten Rassenwahnes und der “Volksgemeinschafts”-Ideologie in der Zeit des sog. “Nationalsozialismus” wurde deutlich, dass die systematische Vergasung und Ermordung von 20 % der Menschen mit Behinderung (auf die Gesamtbevölkerung bezogen: 1 Mensch von 1000) durchaus als Vorläufer und Vorbote des Massenmords in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ab 1941 gewertet werden kann.

In der anschließenden Diskussion gingen wir darauf ein, wo ideologische Parallelen zur heutigen Zeit bestehen (Gentechnologie, Neoliberalismus und bestimmte Teile der Ökonomie)und die Behandlung von Menschen mit Behinderung heutzutage.

Da “Euthanasie” so viel bedeutet wie “der schöne Tod”, lernten wir, dass die verschleiernde Bedeutung des Begriffs in die Irre führt. Die richtige Bezeichnung dafür lautet Mord.

Auch nächstes Jahr wollen wir wieder zu diesen Themen arbeiten.

JedeR ist herzlich eingeladen sich einzubringen.

Am besten beim nächsten Antifaschistischen Abend.

Achtet auf Ankündigungen.

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